Landstraße 64 – Hermann und Ernestine Schwerin

* 23. März 1886 in Mengeringhausen
† 04. Juni 1942 in Lodz, KZ Litzmannstadt

Hermann war der Sohn von Jacob und Sophie Schwerin (geb. Sternberg).

1896 bersuchte er das Realgymnasium in Arolsen. Anschließend absolvierte er eine kaufmännische Berufsausbilung und nach dem Tod des Vaters, übernahm Hermann mit seinem Bruder das Familiengeschäft. „Sie bauten es
zum größten Getreide- und Futtermittelgeschäft Waldecks aus. Bei Schwerins war fast alles
zu haben: Kunstdünger, Tierfutter, Mehl, Salz und Zucker, Kleesamen, Zement und Ziegel
sowie Stoffe und Kleider, Betten, Aussteuerartikel, Öfen und Herde.“

1931 feierte das Geschäft 50-jähriges Jubiläum.

Gemeinsam mit seiner Frau Ernestine Rapp aus Anröchte hatte er zwei Kinder: Ilse und Hans-Joachim.

In den 1930er Jahren nahmen Anfeindungen gegenüber der Familie zu, auch das Geschäft lief immer schlechter.

1934 erhielt er vom Bürgermeister in Mengeringhausen einen Reisepass von fünfjähriger Dauer für Reisen ins Ausland. Als weitere Passempfänger nennt er Friedel und Erna (vermutlich Ernestine) Schwerin.

Am 29. April des selben Jahres wurden sämtliche Schaufensterscheiben eingeworfen. Die Untersuchungen der Polizei richteten sich gegen Hermann Schwerin. Dieser wolle zunächst die Fenster nur provisorisch sichern, aber die Behörden veranlasste ihn, innerhalb kurzer Zeit die Scheiben ersetzen zu lassen. Einige Tage später wurde ein Schild mit einer antisemitischen Parole vor dem Geschäft aufgestellt. Christliche Kunden, die noch bei Schwerins einkauften, wurden als Judenknechte beschimpft und von Angehörigen der Hitlerjugend verfolgt.

1935 meldete Hermann seine Tochter Ilse am 15. Juli vom Realgymnasium ab und bittete um die Ausstellung eines Abgangszeugnisses. Vorausgegangen war entsprechender Druck.

Am 23. November 1937 verkaufte Hermann sein Haus. Ein Jahr später wurde auch das Geschäft verkauft. Am 15. März 1938 stand in der WLZ folgender Artikel:
Mengeringhausen, 15. März. Die Firma Gebrüder Rothe, Getreide-, Futter- und Düngemittel-
Handlung in Arolsen, hat das Geschäftsgrundstück der Firma J. Schwerin Söhne, an der
Landstraße hier, zum Preise von rund 60000.- RM erworben. Damit ist ein weiterer Schritt
zur Arisierung jüdischer Firmen in Waldeck getan. Die Firma J. Schwerin Söhne war früher
das größte private Handelshaus in Waldeck. Sie befasste sich nicht nur mit Getreide- und
Düngemittel-Handel, sondern auch mit Manufakturwaren und in früheren Jahren sogar mit
dem Kolonialwaren-Großhandel. Dir Uebergabe an die Firma Rothe erfolgt, wie wir hören,
am 1. April dieses Jahres. Das Getreide-, Futter- und Düngemittelgeschäft sowie die
Baustoffhandlung hat aber die Firma Rothe mit sofortiger Wirkung übernommen, während
das Manufakturwarengeschäft erst am 1. Juli d. Js. endgültig in ihren Besitz übergeht
.

Anschließend zogen Hermann mit seiner Frau, Tochter Ilse und Schwägerin Erna nach Köln in die Cardinalstraße 9.

1939 schrieb Hermann einen Brief an das Mengeringhäuser Rathaus, um ein Unbedenklichkeitsbescheinigung zu erhalten, um Reisepässe für seine Kinder Ilse und Hans-Joachim zu beantragen.
Am 23. Juni wurde diese Bescheinigung ausgestellt. Kurt Silberstein, welcher seit 1933in England lebte und der Neffe Hermanns war, hatte für beide Kinder Arbeit und Unterkunft organisiert. Die Eltern bereiten die Flucht des Sohes vor, wollten sich aber nicht auch noch von ihrer Tochter trennen.

Von Köln aus verkaufte er am 12. August eine Wiese am Teichwall und einen Garten am Helser Weg in Mengeringhausen.

Am 22. Oktober 1941 erfolgte die Deportation nach Lodz. Am 4. Juni 1942 verstarb Hermann im Ghetto Lodz. Vermutlich wohnten auch Ernestine und Ilse im Ghetto Lodz unter der Adresse Kelmstraße 81. Sie erlebten noch die Befreiung des KZs am 19. Januar durch das sowejtische Truppen. Nach einem Gedenkbkatt von Yad Vashem starben Ilse und Ernestine Monate später, am 2. Mai 1945.

Quellen:
– Synagoge Vöhl: Ernestine Schwerin
– Synagoge Vöhl: Hermann Schwerin
– Michael Winkelmann: „Auf einmal sind sie weggemacht“

Lara Hellwig