* 1898 in Arolsen
† 1963 in den USA
Selma war die erste Tochter der Eltern Julius und Minna Katz (geb. Hammerschlag). Die Familie wohnte in recht einfachen Verhältnissen, im 1. Stock der Mannelstraße 9 gemeinsam mit Minnas Mutter.
1920 verstarb der Vater Julis, kurze Zeit später heiratete Selma Max Hammerschlag in Bad Wildungen.
1922 kam Selmas Sohn Edgar zur Welt und die Mutter Minna verbrachte einige Zeit bei Selma, um dieser beim Haushalt zu helfen.
Nachdem 1923 Minnas Mutter in Arolsen verstarb, zog sie zu Selma nach Bad Wildungen, wo sie jedoch ein Jahr später verstarb.
Selma absolvierte eine Ausbildung als Rotkreut-Krankenschwester.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde das Haus der Hammerschlags mit Steinen beworfen.
„Eine Traube von Menschen schlug Max Hammerschlag. Seine Frau Selma erlitt eine stark blutende Kopfverletzung, die von einem Arzt mit Klammern versorgt warden musste. Mit starken Schmerzen lag sie die nächsten zehn Tage im Bett. Ihre Schwager Hermann wurde das Ohr halb abgerissen.“
Am 18. November 1939 musste die Familie die Wohnung in Bad Wildungen verlassen und wurde in Kassel im Kirchweg 82 untergebracht.
Am 30. November 1941 mussten sie diese Wohnung verlassen und lebten anschließend in der Wolfhager Straße 55.
Anfang September 1942 sollten alle nordhessische Juden von Kassel aus nach Theresienstadt deportiert werden. Über diese Vorbereitungen der Deportation berichtete sie später:
„Alle Juden von Kassel und Umgebung mussten sich am 5. September 1942 in der
Bürgerschule Schillerstraße Kassel versammeln. Schon am Sonnabend Nachmittag rollten
von der Provinz die Züge ein. Als ehemanlige Rot-Kreuz-Schwester hatte ich mich als
Transportschwester gemeldet, um den alten und kranken Leuten zu helfen. Deshalb nahm
ich am Bahnhof diese Züge auch in Empfang. Wirklich – ein trauriger Anblick! Hier ein
Kranker auf der Bahre mit dem kleinen Rucksack oder Köfferchen, das letzte Hab und Gut,
was ihm geblieben; Alte und Schwache. >Schnell, schnell in den Möbelwagen!<, ertönt der Ruf der Gestapo. Alle anderen müssen laufen. Hier fällt ein Mann in Ohnmacht, dort stolpert eine Frau über ihr Gepäck: Bluterguß am Knie, muß auch fortgetragen werden. Nun ist der Wagen voll. Die Türen werden zugeschlagen, eine Luft zum Ersticken. Aber es geht schnell. Schon hält der Wagen. Man öffnet die Türen, heller Sonnenschein strahlt uns entgegen. Die Leute werden ausgeladen, kommen in die Turnhalle; dann sind Helferinnen schon dabei, ihnen heißen Kaffee zu reichen. Die Lage ist gedrückt, man sieht viele Tränen, im allgemeinen haben sich alle in ihr trauriges Los geschickt. Es bleibt ihnen ja nichts anderes übrig. Nun schnell nach Hause, um noch das Nötigste für mich und meine Familie zu packen. Denn Sonntag morgen, 7 Uhr, hat auch unsere Stunde geschlagen, dann müssen wir das traute Heim ebenfalls verlassen. Nach einer kurzen, schlaflosen Nacht graut der Morgen. Schnell noch frühstücken; aber meinem Mann, meinem Sohn und mir bleiben die Bissen im Hals stecken, wir können mit dem besten Willen nichts essen. Wenn wir auch in den letzten neun Jahren ein schweres Los und viel Schreckliches erlebt haben, so war Deutschland doch unsere Heimat, und dieses für immer aufzugeben, bedeutet für Menschen – die tief empfinden – sehr viel. Es läutet an der Korridortür, ein Wagen ist vorgefahren, um das Gepäck aufzuladen. Und nun verlassen wir das Haus, den Mitbewohnern noch schnell ein Händedruck. >O Gott, hoffentlich hat es niemand gesehen, sonst blüht Ihnen und uns noch
Strafe.< Nun wird alles Gepäck von der Gestapo untersucht: was den Herren gefällt, wird
herausgeworfen, sämtliche Leute werden leibesvisitiert. Geld, Uhren, Schmuck usw. muß
abgeliefert werden, und jeder bekommt mit einem Bindfaden eine Nummer angehängt.
Dieser Tag neigt sich zu Ende. Die Nacht ist kalt, die Kranken wimmern und stöhnen. Ich
gebe jedem noch eine Schlaftablette, damit ein paar Stunden Ruhe wird. Ich selbst halte mit
zwei anderen Schwestern Nachtwache. Montag früh ist schon alles aufgeregt auf den
Beinen. Lastautos fahren in den Schulhof hinein. Nachdem man noch jüdische Gestalten
fotografiert hat, ladet man die Nicht-Gehfähigen in die Lastwagen auf und bringt sie zur
Bahn. Die anderen folgen zu Fuß. Ein langer Zug bewegt sich durch die Straßen, mit noch
einigem Sanitätspersonal gehen wir als letzte aus dem Tor. >Dieses grauenvolle Elend wird
sich noch einmal rächen!< rufen schon verschiedene Leute aus Fenstern und Türen, >nein –
nein, das kann man ja nicht mit ansehen.<
Der Zug mit ca. 50 Wagen steht am Perron bereit, es sind Personenwagen und keine
Viehwagen, ein kleiner Vorteil ist dies für die Leute. Das Verladen geht ziemlich schnell, die
Ordner arbeiten fabelhaft, jeder bekommt das bisschen übriggebliebene Gepäck – meistens
nur ein Rucksack – in den Wagen, dann werden die Türen geschlossen. Gestapo und SS
schreiten dauernd die Front ab und sehen nach, ob alle verladen sind. Dann werden die
Türen geschlossen, und wir stehen noch stundenlang auf dem Perron. Endlich, gegen 5 Uhr
nachmittags, setzt sich der Transportzug in Bewegung.“
Im KZ Theresienstadt war sie als Oberschwester tätig.
Selma schrieb zudem an die Kühlsheimers in Tel Aviv:
“Ich war als Transportschwester nach Theresienstadt gegangen und war drei Jahre dort
Oberschwester. Tante Lene (in der Anmerkung: Helene Külsheimer, Schwester von Leopold
Külsheimer) war mit mir auf demselben Dachboden auf blanker Erde fünf Monate gelegen.
Ich habe ihr oft was zu essen gegeben, allerdings nur trockenes Brot und Kartoffeln, wir
hatten ja selbst nichts anderes. Sie war sehr dankbar dafür und hat mir manchmal Strümpfe
gestopft. Leider bekamen sehr viele Leute Ruhr und Bauchtyphus. So starb mein lieber
Schwiegervater schon nach drei Wochen und Ihre liebe Tante Lene im Januar 1943. … Ich
habe Tante Lene noch die Augen zugedrückt und habe ihr, so weit es möglich war, die letzte
Ehre erwiesen. Rabbiner Dr. Neuhaus hielt die Rede. Wir hatten zu dieser Zeit 200-300
Tote täglich, und immer ca 50 wurden zusammen beerdigt; wir haben sie noch in ein schönes
Leinentuch geschlagen, das war etwas Großartiges. Sehen Sie, da weiß man doch, sie sind in
Theresienstadt geblieben, aber wo sind nur meine Leute?”
1944 schrieb sie in einem Brief: „Im Oktober 1944 ging fast alles fort, auch meine beiden Lieben…“
Am 1. Oktober 1944 wurde Edgar Hammerschlag zusammen mit seinem Vater als einer von 1500 Juden nach Auschwitz deportiert. Selma blieb in Theresienstadt zurück.
Selma wurde schwer krank, im Mai 1945 erkrankte sie an Flecktyphus. Am 1. Oktober kehrte sie krank und verzweifelt zurück nach Bad Wildungen. Dort formierte sie das Rote Kreuz neu und kümmerte sich um die Flüchtlinge in Bad Wildungen, die am Bahnhof oder in einer Baracke des DRK am Sportplatz untergebracht waren.
Selma organisierte zudem das Essen für die Flüchtlinge bei den Amerikanern.
In Bad Wildungen fand in der Kapelle der amerikanischen 3. Devision im Herbst 1945 ein jüdischer Gottesdienst statt.
Selma nahm an diesem Gottesdienst mit Erika und Lina Mannheimer teil

1946: Zur Erinnerung an die Ermordeten aus Bad Wildungen wurde auf Initiative von Selma Hammerschlag ein Denkmal eingeweiht.

Im folgenden Jahr wanderte sie in die USA aus und verstarb dort 1963.
Quellen:
– Synagoge Vöhl: Selma Hammerschlag (geb. Katz)
– Michael Winkelmann: „Auf einmal sind sie weggemacht“
Lara Hellwig