Theodor Katz: geb. 23.6.1907 in Arolsen
Eltern: Willi Katz (?-1919) und Sara, geb. Katz (1869-1936)
Geschwister: Margarete (1897-?) Frieda (1899-?)
Beruf: Kaufmann
Wohnung: zuerst: Bahnhofstraße, im Haus des Friseurs Thamm danach: Haus des Bäckers von der Emde dann: Kaulbachstraße 1 nach 1919: Bahnhofstraße 5 später: Bahnhofstraße 18 1933, 1936: Bahnhofstraße 29
Theodor besuchte das Arolser Realgymnasium.
Er war Mitglied des Aroser Fußballclubs.
1919
Nach dem Tod des Vaters 1919 brach er die Schule ab, um der Mutter zu helfen.
Die Mutter gab den Viehhandel auf und eröffnete ein Manufaktur- und Modewarengeschäft
unter dem Namen W.Katz Wwe.
1921-24
Von 1921 bis 1924 absolvierte er eine Kaufmannslehre in Gudensberg. Anschließend
arbeitete er als Verkäufer und Dekorateur bei der Firma Markhoff in Korbach, danach in
Freiburg im Breisgau.
Einige Jahre später zog die Mutter mit Tochter Frieda und Sohn Theodor in die Bahnhofstr.
18, wo sie ein Schaufenster einbauten. Der Eigentümer des Hauses, ein Herr Köhler, kündigte
ihnen auf Druck der Nazis, woraufhin sie mit ihrem Laden ins Schönstädtische Haus in der
Bahnhofstraße 29.
In einem Interview im Jahre 1987 erzählte Theodor Katz, dass schon in der ersten Hälfte der
20er Jahre Antisemitismus in Arolsen bemerkt werden konnte. Oft habe man Ausdrücke wie
„Judenscheißer“ und „Judenstinker gehört.
1933
Theodor Katz erzählte 1987, dass auch ihr Geschäft am 1. April boykottiert worden sei. SA
Männer hätten vor dem Geschäft gestanden. Die Familie habe auswandern wollen, habe aber
keine nahen Verwandten im Ausland gehabt.
Am 31. Okt. 1933 verlangte der Landrat vom Arolser Bürgermeister eine Liste der jüdischen
Bewohner der Stadt. Am 7. Nov. reichte der Bürgermeister die Liste mit 16 namentlich
1Alle nicht anders bezeichneten Informationen aus: Winkelmann, S.53ff.
2Quelle f. Geb.-datum und –ort, Beruf und Wohnung 1933: Winkelmann S. 153
3Winkelmann S. 104
4Winkelmann S. 128
Arolsen
bezeichneten Personen ein. Bezüglich der politischen Einstellung und Betätigung von
Theodor Katz hieß es: „war früher stark marxistisch eingestellt“.
1935
Ein Kunde ließ längere Zeit anschreiben. Als Katz ihn aufforderte zu bezahlen, erklärte der
Kunde, dass er an Juden nicht mehr zurückzahle. Theodor Katz verklagte ihn daraufhin und
bekam beim Arolser Gericht Recht.
Theodor Katz berichtete, dass Juden ab 1935 bei Arolser Friseuren nicht mehr bedient
wurden.
Im Dezember schickte der Bürgermeister dem Landrat eine Liste mit den noch in Arolsen
lebenden Juden. Theodor Katz war dort als einer von 13 Juden genannt.
1936
Am 4. August beantragte er beim Bürgermeister die Genehmigung für eine Reise nach
Palästina, um sich dort umzuschauen. Nach seiner Rückkehr wollte er, wenn ihm die
Verhältnisse dort zusagten, die Einwanderung beantragen. Der Bürgermeister erkundigte sich
zunächst bei der Steuerbehörde in Korbach, ob bei Katz Zahlungsrückstände bestehen;
weitere Anfragen richtete er an die Zentrale Nachrichtenstelle beim Landesfinanzamt in
Berlin und an die Gestapo in Kassel.
Als die Mutter starb, gab es Schwierigkeiten bei der Organisation der Bestattung.
Nach dem Tod der Mutter im Jahre 1936 führte Theodor das Geschäft weiter. Während er als
Hausierer durch Waldeck reiste, nähte Schwester Frieda für die Arolser Kundschaft.
1937
Am 7. Dezember schrieb der Landrat einen Aktenvermerk mit Durchschrift an den
Bürgermeister, in dem er empfahl, die Geschäftsübernahme von Theodor Katz
stillschweigend zu akzeptieren, da es keine rechtliche Handhabe gebe, ihn daran zu hindern.
Allerdings müsse man die Übernahme auch nicht förmlich bestätigen.
1938
Im Juli bereitete Theodor Katz zusammen mit seinen Geschwistern die Emigration vor, da
ihnen durch das Verbot des Hausierhandels die Existenzgrundlage entzogen wurde. In einem
Schreiben des Landrats des Kreises der Twiste vom 23.Juli heißt es:
… Die Kontoristen Margarethe Katz, geb. 21.10.1897 in Arolsen,
Schneiderin Frieda Katz, geb. 18.4.1899 in Arolsen, u.
der Kaufmann Theodor Katz, geb. 23.6.1907 in Arolsen
Staatsangehörigkeit: Deutsches Reich, Juden
Anschrift: Arolsen (Waldeck)
beabsichtigen ins Ausland, und zwar nach Nordamerika, zu gehen.
Verdachtsgründe:
Beantragung eines Reisepasses.
Falls dort noch weitere sachdienliche Angaben gemacht werden können, bitte ich mir diese
sofort
Arolsen
mitzuteilen. Ich stelle anheim, erforderlichenfalls in eigener Zuständigkeit Massnahmen zu
treffen, um Steuer- oder Kapitalflucht zu verhindern. ….
Am 29. Juli erhielten die Geschwister ihre Reisepässe. Ein Cousin des Vaters bürgte für sie.
Am 31. Oktober meldete er sein Manufakturgeschäft ab.
Am späten Nachmittag des 8. November wurden die Geschwister von zwei Gestapobeamten
der Zollfahndung in Kassel aufgefordert, eine Aufstellung des privaten und des
Geschäftsvermögens zu machen. Als sie abends damit beschäftigt waren, wurden zunächst
große Steine ins Fenster geworfen, dann drangen Arolser Bürger auch in das Haus ein.
Theodor sprang durch ein Fenster nach draußen und ließ sich von Bürgermeister und
Wachtmeister in Schutzhaft nehmen.
Margarete wollte zunächst noch das Vermögen retten. Bankbücher, Wertpapiere und
Silbersachen konnte sie retten, ca 4000 RM Bargeld wurden gestohlen.
Frieda Katz floh gegen 21 Uhr zu einer Nachbarin, um sich dort zu verstecken, wurde jedoch
abgewiesen. Zusammen mit ihrer Schwester Margarete floh sie ins Diakonissenhaus.
Wachtmeister Kaiser holte sie dort ab und brachte sie ebenfalls ins Gefängnis.
Das Haus der Familie Katz wurde in dieser Nacht vollständig ausgeplündert.
Am 9. November zog die Hitlerjugend vor die von Juden bewohnten Häuser und rief NS
Parolen. Theodor Katz ließ sich von Verwandten nach Warburg holen, wo dann allerdings in
der folgenden Nacht ebenfalls die Synagoge zerstört wurde. Theodor Katz entschloss sich nun
endgültig, Arolsen zu verlassen. Er reiste nach Elberfeld, von da nach Stuttgart, um für sich
und seine Schwestern Ausreisepapiere zu bekommen. Sie alle erhielten ihre Visa.
Theodor bekam sein Visum für die Einreise in die USA am 15. November.
Mitte Dezember reiste er über Aachen nach Rotterdam.
Am 31. Dezember verließ er Rotterdam Richtung USA mit dem Schiff Volendam. In Ellis
Island hielt er sich einige Tage auf, danach war er einige Zeit arbeitslos. Ab Ende 1940
arbeitete er von New York aus als Reisender in Manufakturwaren.
1987
Theodor überlebte den Holocaust und wohnte 1987 in New York. In einem Interview mit
Michael Winkelmann erinnerte er sich daran, dass schon in der ersten Hälfte der 20er Jahre
Ausdrücke wie „Judenstinker“ und „Judenscheißer“ gebraucht worden waren.