Schlossstraße 1 – Synagoge

Stieglitzsche Synagoge

Hintergrund für den Bau dieser Synagoge ist eine Spaltung in der jüdischen Gemeinde in der Stadt in den 1760er Jahren. Ausgelöst wird sie durch das liberale Verhalten der Familien der Brüder Hirsch und Lazarus Stieglitz, aber auch durch Spannungen, die aufgrund erheblicher sozialer Rangunterschiede entstehen.

1763 erwirbt Hirsch Stieglitz ein halb bebautes Grundstück in der Hauptstraße 4 (heute Schlossstraße 1) und lässt 1767 vom Hofarchitekten Franz Friedrich Rothweil ein prächtiges Palais[1] bauen, das er und sein Bruder Lazarus mit ihren Familien bewohnen[2].
Im neu errichteten Anbau lässt er Synagogengottesdienste für seine Familie und liberal gesonnene Angehörige der jüdischen Bevölkerung aus Arolsen, Helsen und Mengeringhausen abhalten.

Die neue Synagoge entsteht in eben diesem neu errichteten Anbau an der Rückseite des Hauses Stieglitz. Sie wird nun von den „vornehmen“, eher liberalen orientierten Juden besucht, während die ärmeren und konservativ eingestellten Juden weiterhin in der Hertzschen Synagoge in der Schlossstraße 11 ihre Gottesdienste feiern. 
Nach dem Bau der neuen Synagoge bestehen somit zwei Synagogen nebeneinander in der Stadt.

Im Sommer 1798 stirbt Hirsch – er nannte sich zuletzt sogar Heinrich – Stieglitz. In seinem Testament verfügt er, dass seiner Frau Edel (Elisabeth) Stieglitz, geb. Marcus, das Haus und sein Inventar zur Nutzung Zeit ihres Lebens für eine „schickliche Versorgung“ zur Verfügung stehen. Sein Vermögen hinterlässt er seinen Kindern Esther, Rachel, Joseph und Jacob.
Edel (Elisabeth) Stieglitz bleibt wahrscheinlich in der Familie ihres Sohnes Jacob und stirbt 33 Jahre nach ihrem Mann Hirsch im Jahr 1831.
Sie wird auf dem evangelischen Friedhof in St. Petersburg begraben – inzwischen ist sie zum Christentum übergetreten und hat sich evangelisch taufen lassen. Auf ihrem Grabstein steht ihr Name als Elisabeth Stieglitz, geb. Marcus. In St. Petersburg lebt Elisabeths Schwager Ludwig Stieglitz mit seiner Familie.

Jacob Stieglitz als Erbe von Hirsch Stieglitz

Die Kinder von Hirsch und Edel Stieglitz sind gemeinsam mit ihren Cousinen und Cousins, den Kindern ihres Onkels Lazarus Stieglitz, dessen Ehefrau eine geb. Marcus ist, aufgewachsen. (Es wird vermutet, dass sich Lazarus sich oft im Ausland aufgehalten und dort Geschäfte getätigt hat.)
Aus dem Testament von Hirsch Stieglitz geht hervor, dass sein Sohn Joseph sich 1788 (in diesem Jahr verfasst Hirsch sein Testament) in Amerika aufhält.

Jacob Stieglitz übernimmt 1798 als knapp 30jähriger die Geschäfte seines Vaters Hirsch nach dessen Tod und erhält die Bestallung zum Hofagenten.

1799 heiratet er Friederike Meyer, die Tochter des Handelsmannes Meyer-Hertz.

Jacob und Friederike Stieglitz treten zum Christentum über. Bereits im Juli 1814 lassen sie ihre Kinder, Heinrich und Emilie, im Alter von 13 und 11 Jahren evangelisch taufen. Hofagent Jacob Stieglitz und seine Frau selbst treten erst 1819 zum evangelischen Glauben über. 1828 wird das Haus verkauft. Zu diesem Zeitpunkt wird der Synagogensaal schon nicht mehr als Betraum genutzt. Mit dem Verkauf wird die Synagoge in der Schlossstraße 1 aufgelöst.

Die Mengeringhäuser und Helser Mitglieder der jüdischen Teilgemeinde richten in Mengeringhausen (1824) und in Helsen (1827) Synagogen ein. Dafür mietet die Mengeringhäuser Gemeinde eine Stube in der Burg, in die auch sakrale Gegenstände aus der Stieglitzschen Synagoge mitgenommen werden.

In Helsen mieten die Helser Juden zwei Räume in der zweiten Etage des Busholdschen Hauses (Professor-Bier-Straße 80) an, in denen Gottesdienst gefeiert wird und der jüdische Lehrer seinen Schlafplatz hat.

Mit der Auflösung der Stieglitzschen Synagoge und nach dem Tod von Salomon Hertz 1837, in dessen Haus sich die Hertzsche Synagoge befunden hat, kommt das jüdische Gemeindeleben in Arolsen nahezu zum Erliegen.

Anfang des 19. Jahrhunderts kam es zudem zu zahlreichen Übertritten zum Christentum.

Die Arolser Gemeinde wurde der jüdischen Gemeinde Mengeringhausen zugeordnet.

Kornelia Brinkmann

Quellen:
Michael Winkelmann, Auf einmal sind sie weggemacht, Kassel 1992
Olga Stieglitz, Die Stieglitz aus Arolsen – Texte, Bilder, Dokumente, Museumshefte Waldeck-Frankenberg 22, Museum Bad Arolsen 2003
https://alemannia-judaica.de/bad_arolsen_synagoge.htm#Die%20Familie%20Stieglitz%20in%20Arolsen (12.1.2026)


[1]             Über dem Hauseingang findet man das Hauswappen der Familie Stieglitz: Es zeigt die Darstellung eines Hasen und eines Stieglitzes.

[2]             Hirsch und Lazarus Stieglitz sind die Söhne von Levi Stieglitz und seiner Frau Rosa, geb. Dietz. Levi Stieglitz war Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Laasphe in der Grafschaft Sayn-Wittgenstein – heutiges Westfalen.

Julia Stieglitz, die Schwester von Hirsch und Lazarus Stieglitz, lebt in Arolsen und ist mit dem Witwer Marcus Juda verheiratet – Marcus Juda ist zu Beginn der 20er Jahre aus Gotha nach Arolsen gekommen.

Vermutlich gibt Marcus Juda als Schwager den Impuls dazu, dass Hirsch und Lazarus Stieglitz in das nahegelegene Fürstentum Waldeck einwandern. Neben den verwandtschaftlichen Bezügen gehört es zu den Pflichten der in Waldeck tätigen Juden, weitere fähige und vor allem finanzkräftige Leute zur Einwanderung nach Waldeck bzw. in das Residenzstädtchen Arolsen zu bewegen.

Auch Levi Stieglitz zieht 1773 nach dem Tod seiner Frau Rosa nach Arolsen, wo er nach wenigen Jahren stirbt. Er ist auf dem jüdischen Friedhof in Arolsen beigesetzt: Grab Nr. 35 – „Löw Stieglitz – gest. 9.10.1776“ – https://lagis.hessen.de/de/personen/juedische-grabstaetten/alle-eintraege/3132 (12.1.2026)